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Zucker & Lobbyismus – wie die Zuckerindustrie die Forschung beeinflusste

Zucker ist Gift. Fett macht krank. Kohlenhydrate machen dick.

Ernährung liebt einfache Antworten.

Die Wissenschaft dahinter ist meistens komplizierter – und manchmal lohnt es sich auch zu fragen, wer an diesen Antworten mitgeschrieben hat.

Die Geschichte des Zuckers ist dafür ein ziemlich eindrucksvolles Beispiel.

Zucker oder Fett – wer war schuld?

In den 1950er- und 1960er-Jahren stiegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den USA stark ins öffentliche Bewusstsein. Gleichzeitig wurde intensiv darüber diskutiert, welche Rolle die Ernährung dabei spielte.

Dabei standen unter anderem Fett, Cholesterin und Zucker im Verdacht.

Und genau hier wurde es interessant.

Historische interne Dokumente der damaligen Sugar Research Foundation, einem Vorläufer der heutigen Sugar Association, zeigen, dass die Zuckerindustrie versuchte, die wissenschaftliche Diskussion zu beeinflussen.

1965 finanzierte sie ein Forschungsprojekt mit Wissenschaftlern der Harvard University.

Das Ergebnis erschien 1967 als Übersichtsarbeit im renommierten New England Journal of Medicine.

Die Arbeit stellte Fett und Cholesterin als zentrale Ernährungsfaktoren für koronare Herzkrankheiten heraus und spielte Hinweise auf eine mögliche Rolle von Zucker herunter.

Die Finanzierung durch die Zuckerindustrie wurde damals nicht offengelegt. Eine historische Analyse dieser Dokumente wurde 2016 in JAMA Internal Medicine veröffentlicht.

Hat die Zuckerlobby also einfach die Wissenschaft gefälscht?

Ganz so einfach möchte ich es nicht erzählen.

Die historischen Dokumente liefern deutliche Hinweise darauf, dass die Industrie Forschungsfragen und wissenschaftliche Debatten in ihrem eigenen Interesse beeinflussen wollte.

Das bedeutet aber nicht, dass damit automatisch sämtliche damalige Forschung zu Fett falsch war.

Auch heute wissen wir beispielsweise, dass die Art der aufgenommenen Fette für unsere Gesundheit relevant ist.

Die eigentliche Lehre aus dieser Geschichte ist für mich deshalb größer:

Wer Forschung bezahlt und welche Interessen dahinterstehen, kann eine Rolle dabei spielen, welche Fragen gestellt, welche Ergebnisse hervorgehoben und welche heruntergespielt werden.

Und das sollten wir wissen.

Und John Yudkin?

Einer der bekanntesten Kritiker des hohen Zuckerkonsums war der britische Ernährungswissenschaftler John Yudkin.

In seinem 1972 erschienenen Buch Pure, White and Deadly – auf Deutsch Rein, weiß und tödlich – warnte er vor einem hohen Zuckerkonsum und möglichen Zusammenhängen mit verschiedenen Erkrankungen.

Seine Position stand lange im Schatten der damals dominierenden Fett-Hypothese.

Dann kamen die Low-Fat-Produkte

Über Jahrzehnte wurde Fett in der öffentlichen Ernährungsdiskussion zum großen Feind.

„Low Fat“ und „Fat Free“ wurden zu attraktiven Verkaufsargumenten.

Ein Teil dieser Produkte enthielt gleichzeitig beträchtliche Mengen Zucker.

Aber auch hier wäre die einfache Geschichte

„Fett wurde entfernt, Zucker hineingetan und deshalb entstand die Adipositas-Epidemie“

zu kurz gegriffen.

Übergewicht und Stoffwechselerkrankungen entstehen nicht durch einen einzigen Nährstoff. Ernährungsmuster, Gesamtenergiezufuhr, Bewegung, Lebensmittelumgebung, soziale Faktoren und viele weitere Einflüsse spielen zusammen.

Was wir heute aber ziemlich sicher sagen können:

Sehr viel freien Zucker zu essen, bringt uns keinen gesundheitlichen Vorteil.

Wie viel Zucker ist eigentlich zu viel?

Die WHO empfiehlt, freie Zucker auf weniger als 10 % der täglichen Energiezufuhr zu begrenzen.

Bei 2.000 kcal wären das weniger als etwa 50 g pro Tag.

Eine weitere Reduktion auf unter 5 % beziehungsweise ungefähr 25 g täglich kann zusätzliche gesundheitliche Vorteile bringen.

Zu den freien Zuckern zählen dabei nicht nur weißer Haushaltszucker, sondern auch zugesetzte Zucker sowie beispielsweise Zucker aus Honig, Sirup, Fruchtsäften und Fruchtsaftkonzentraten. Der Zucker in intaktem Obst gehört dagegen nicht zu dieser Kategorie.

Eine hohe Aufnahme freier Zucker kann unter anderem die Energiedichte unserer Ernährung erhöhen und steht insbesondere mit Karies und ungünstiger Gewichtsentwicklung in Zusammenhang. Zuckerhaltige Getränke spielen dabei eine besondere Rolle.

Zucker ist nicht Gift

Unser Stoffwechsel kann Glucose verwenden und unser Körper stellt sie sogar selbst her, wenn er sie benötigt.

Das Problem ist nicht das einzelne Stück Kuchen.

Und auch nicht der Löffel Zucker in einem Rezept.

Interessanter wird es dort, wo große Mengen freien Zuckers ständig und teilweise ziemlich unsichtbar Teil unseres Alltags werden.

Softdrinks, Süßigkeiten und stark verarbeitete Lebensmittel können beispielsweise erhebliche Mengen liefern, ohne besonders lange zu sättigen.

Deshalb möchte ich Zucker weder verteufeln noch schönreden.

Ich möchte wissen, wo er steckt, was er mit einem Rezept macht und selbst entscheiden, wie viel davon ich verwenden möchte.

Mein Gedanke dazu

Die Geschichte der Zuckerlobby ist für mich keine Geschichte darüber, dass Zucker böse und Fett gut ist.

Sie zeigt etwas viel Wichtigeres:

Ernährungswissen entsteht nicht im luftleeren Raum.

Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und gesellschaftliche Trends beeinflussen, was wir für richtig halten.

Deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Wer sagt etwas?
Worauf basiert die Aussage?
Wer hat die Forschung finanziert?
Und ist aus einem komplizierten Zusammenhang vielleicht gerade wieder eine verdammt einfache Ernährungsregel geworden?

Ich bin Konditormeisterin.

Ich werde Zucker deshalb ganz sicher nicht so behandeln, als dürfte er nie wieder eine Küche betreten. 😉

Aber ich kann verstehen, was er tut, Mengen hinterfragen und Alternativen kennen.

Nicht verteufeln. Verstehen. Bewusst entscheiden.

Wissen, das nährt.

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